NAS-Whisky: Muss das Label eine Altersangabe haben oder nicht?

NAS – No-age-statement: Eine Annäherung

NAS-Whisky: Derzeit gibt es wohl kein heißeres Thema in der (schottischen) Whiskywelt, das von Experten, Nerds, Freaks und Einsteigern gleichermaßen kontrovers diskutiert wird. NAS steht für No-Age-Statement-Whiskys und das heißt: Auf dem Etikett steht keine Jahreszahl mehr, die den Reifegrad des fassgelagerten schottischen Traditionsgetränks angibt. Während einige mit dieser Neuregelung schon den Untergang des Whiskys kommen sehen, ist das anderen fast gleichgültig –Hauptsache, die Qualität ihres Lieblingsgetränkes stimmt. Und obwohl die Altersangaben eventuell künftig fehlen werden, steht eins fest: Die Preise werden weiter steigen.

Es ist Zeit, dieses Thema einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Was viele nicht wissen: NAS-Whiskys sind keine Erfindung der Neuzeit. Es gab sie schon immer, zumeist im Blended-Scotch-Whisky-Bereich, aber auch bei den Abfüllungen für Supermärkte oder sogar bei renommierten Marken (ja, auch ein Glenfiddich 12 war zwischenzeitlich schon einmal eine NAS- Abfüllung!). Um zu verstehen was sich alles dahinter verbirgt, hilft vielleicht zuerst ein Blick einige Jahre, beziehungsweise Jahrzehnte, zurück.

Die magische Zahl Zwölf

Die ersten Scotch-Single-Malt Whiskys, die ich kennen lernen durfte (und das war bereits in den späten 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts), waren Whiskys, die als Altersangabe meist die Zahl Zwölf trugen. Dabei spielte die Zahl Zwölf in der Bibel und der Geschichte sowie in der Gesellschaft schon immer eine wichtige Rolle. In der Bibel gibt es zwölf Apostel, unser Kalender beinhaltet zwölf Monate, als Zählmaß ist die Zwölf ein gutes Dutzend. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie ein Whisky-Label mit der Elf oder der Dreizehn als Jahresangabe ausgesehen hätte. Ob dann Whisky einen solchen Erfolg gehabt hätte?

Was bedeutete diese Zahl denn ursprünglich? Der jüngste Whisky dieser Single Malt Scotch Whiskys war mindestens zwölf Jahre in einem Fass gereift. Dies ist die klassische Aussage der Regeln für Whisky. Allerdings sagte sie nichts darüber aus, wie viel dieser zwölfjährigen Flüssigkeit – also im Blend des Single Malt Whiskys – tatsächlich war. Denn der Altersdurchschnitt des Getränks war wesentlich älter! Durchschnittlich waren diese ersten mit Altersangabe versehenen Whiskys vielleicht 15, wenn nicht gar 18 Jahre alt. Denn es gab ja immer nur eine Abfüllung in der jeweiligen Destillerie! Und diese sollte den Charakter der Destillerie repräsentieren. Deshalb wurde sie dementsprechend aus den im Stock befindlichen Fässern auf einen bestimmten Geschmack hin geblendet. Damals war das ein normaler Prozess.

Verstärkte Nachfrage und anspruchsvollere Anforderungen führen zu neuem Fassmanagement

Doch mit dem weltweiten Erfolg des Whiskys stiegen auch  die Anforderungen. Die Kunden verlangten auch ältere Abfüllungen: 18 oder auch 25 Jahre wurden als passendes Alter empfunden. Das klang schließlich noch wertiger als 12 Jahre!

Und schon sind wir beim Fassmanagement angekommen. Die veränderte Nachfrage sorgte dafür, dass nicht mehr aus dem gesamten Warenbestand (Stock) ausgewählt werden konnte, welche Whiskys für eine Abfüllung zur Verfügung stehen. Entscheidungen mussten getroffen und die Abfüllungen mit den entsprechenden Bestandsmengen korreliert werden. Keiner konnte damals vorhersehen, welche enormen Mengen an Single Malt Whisky die Industrie heute brauchen würde. Denn die traditionellen Stocks waren lediglich auf einen Bestand der nächsten 20 bis maximal 30 Jahre ausgelegt.

Die zunehmende Anzahl der Whiskys mit Altersangabe bedingte ein immer größer werdendes Problem: Die zur Verfügung stehenden Whiskys wurden jünger. Zwar stand noch immer 12, 15 oder 18 Jahre als Mindestalter auf der Flasche, doch das Durchschnittsalter der gesamten Flaschenflüssigkeit sank zunehmend. Und demensprechend veränderte sich auch der Whisky.

Die Evolution des Whiskys beginnt

Zunächst ein Problem, das überhaupt nicht wahrgenommen wurde. Die Zahl der Publikationen zum Thema hielt sich in Grenzen  und nur Experten, die die Veränderungen am Geschmack erkannten, verstanden, was vor sich ging. Wie in anderen Märkten auch galt hier: Produkte unterliegen mit steigenden Verkaufszahlen einer natürlichen Evolution – und dies war die Evolution des Whiskys.

Trotz des stetig zunehmenden Verbrauchs und Verkaufs von Whisky wurde der Bedarf immer noch größer. Verbraucher und Industrie verlangten nach weiteren neuen Abfüllungen.

Auch die unabhängigen Abfüller kauften immer mehr Whiskys von Destillerien und füllten diese unter dem eigenen Label ab. Der Whiskyrun war nicht mehr aufzuhalten: Neue Lagerhäuser wurden gebaut – aber für die neuen Whiskys, nicht für die alten. Deren Bestand reduzierte sich und in ganz Schottland verjüngte sich der Gesamtbestand an Whisky.

Der Whisky verjüngte sich

Resultat war, dass Anfang 2000 die Single Malt Whiskys und Blended Scotch Whiskys mit Altersangabe, beispielsweise 12, 15 oder 18 Jahre, auch tatsächlich dieses Alter auswiesen und nur selten noch ältere Fässer den Weg überhaupt in diese Abfüllungen fanden. Doch so lange das Alter auf den Etiketten stand, interessierte dies nur wenige.

Vergleichstastings in diesen Jahren zeigten aber schon damals immer wieder, dass alte Abfüllungen mit Altersangabe durchaus vollkommen andere Aromen aufwiesen als neue Abfüllungen. Dies wurde mitunter den Destillern vorgeworfen, allerdings ohne die wahren Hintergründe zu hinterfragen.

Gleichzeitig erlebten die unabhängigen Abfüller zu dieser Zeit einen Boom, der bis heute anhält. Am Anfang konnten sie noch auf den Stock fast aller Destillerien zurückgreifen und so verwundert es nicht, dass es auch aus heute für unabhängige Abfüller nicht mehr zugänglichen Destillerien noch Abfüllungen gab. Darunter auch die der großen Destillerien. Und wer dort sehr aufmerksam hingeschaut hatte, stellte fest, dass es Abfüllungen gab, die zwar sehr jung und deutlich unter den Altersangaben der regulären Destillerieabfüllungen waren, gleichzeitig waren diese Abfüllungen dennoch aromatisch tiefgehend und stellten so außerordentliche geschmackliche Erlebnisse dar. Die Destiller konnten diese Abfüllungen oftmals nicht unter ihrem Namen im Standardportfolio herausbringen, denn sie waren an die Altersangaben gebunden.  Die unabhängigen Abfüller zeigten also auf, was es an jungen Whiskys noch gab – und was diese geschmacklich leisteten.

Das Dilemma der Industrie: Strikte traditionelle Vorgaben oder Altersangaben vermeiden?

Mit zunehmendem Kaufverhalten der Whiskyenthusiasten, steigender Nachfrage und wachsendem Interesse an der Kategorie war die Industrie nun also in einem Dilemma: Einerseits hatte sie strikte Vorgaben für die Altersangaben ihrer bestehenden Whiskys, andererseits wollte sie weiterhin ein Stück vom großen Kuchen abhaben. Was liegt da also näher als die Aufhebung der Altersbeschränkung und damit die Verwendung aller im Stock befindlichen Fässer? Zuerst fiel das gar nicht auf: Erste Abfüllungen waren sogenannte „Batch“-Abfüllungen, die ob ihres oftmals herausragenden Charakters sogar noch gefeiert wurden (Aberlour a’bunadh sei hier ein typisches Beispiel). Man gewöhnte sich schnell daran, dass es keine Altersangabe auf dem Etikett gab.

Sonderabfüllungen zu berühmten schottischen Ereignissen, Dichtern, Poeten und anderen Persönlichkeiten folgten. Definiert als „Reihe“ oder „Sammlung“ fanden sie den Weg zu den Sammlern und wurden klaglos akzeptiert. „Limited Edition“ wurde zu einem Verkaufsargument. Alter? Oftmals nebensächlich. Hauptsache rar.

Warum also dieses Prinzip nicht auch auf die Abfüllungen des Standardportfolios ausweiten? Und wie weiter? Wäre es nicht interessant, wieder zum Ursprung der Whiskyabfüllungen zurückzukehren und nun wieder auf Stile zu blenden (nicht vergessen: auch Single Malts sind Blends, sie kommen nur aus einer Destillerie, nicht aber aus einem Fass!)?

Sicher ein interessanter Aspekt, der aber den mittlerweile gesteigerten Bedarf an Information zu einzelnen Abfüllungen nicht mehr so einfach befriedigen kann. Zwei Alternativen taten sich auf: entweder über die Fässer, deren Anzahl und Einsatz zu informieren oder die Texte auf den Labels auf das wirklich Notwendigste zu kürzen, eventuell noch mit Tasting Notes gleich auf der Flasche zu ergänzen.

Was ist wichtiger: der Geschmack oder das Alter?

Fakt ist: Eigentlich sollte doch der Geschmack  im Vordergrund stehen, nicht das Alter. Könnte man nicht das Alter des jüngsten Whiskys aus der Abfüllung angeben? Allerdings: Wie soll das gehen, wenn in jeder Zusammenstellung der Abfüllungen ein anderes, jüngstes, Fass sein kann? Wir würden als Konsumenten in Altersangaben ersticken.

Doch was bedeutet dies für den normalen Konsumenten? Seinen Anhaltspunkt „Alter“ gibt es nicht mehr. Gleichzeitig keine Informationen mehr über die Whiskys auf den meisten Etiketten. Dafür gibt es (manchmal) Tasting Notes oder Geschichten.

Der Versuch von Compass Box, dies zumindest durch Informationen zur Zusammensetzung der Abfüllung einzuführen, wurde bisher noch von der Scotch Whisky Association nicht unbedingt wohlwollend unterstützt. Er wäre, nach meiner Auffassung, auch nicht in großem Stil umsetzbar und würde zudem das Sammlertum nur noch weiter anstacheln. Für kleine Abfüller sicher ein Weg, aber große Produzenten könnten dies nicht wirklich umsetzen.

Genießen und nicht nur sammeln!

Also was tun? Klarer Tipp: aufmachen und trinken. Tastings besuchen, Messen aufsuchen und dort die Chance wahrnehmen, um sich konkrete Abfüllungen herauszusuchen, zu probieren und dabei etwas über seinen eigenen präferierten Geschmack zu lernen und sich für den Whisky – ohne vorgefasste Meinungen – zu entscheiden, der einem persönlich am besten schmeckt. Unabhängig von Alter, Stil und Herkunft.

Whisky ist eine Wissenschaft – und die hat ihren Preis

Doch noch bleibt eine andere Frage im Raum: Warum steigen die Preise? Sicher ist ein Aspekt das klassische Modell: „Die Nachfrage bestimmt den Preis!“ Je mehr Menschen Whisky trinken (oder sammeln) wollen, desto teurer kann man ihn verkaufen. Es ist „in“, etwas über Whisky zu „wissen“ und einige Flaschen zu Hause zu haben.

Ein Aspekt des Preises kann aber auch sein, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten das Fassmanagement drastisch geändert hat.  Kaum eine Destillerie oder ein Konzern kommen heute noch ohne einen „Fassmanager“ oder „Master of Wood“ aus. Ihre Aufgaben sind komplexer geworden: Es geht nicht darum, einfach nur Fässer zu kaufen, sondern auch um das Aussuchen der Hölzer für die Fässer. Wichtig ist auch, deren Herkunft und die damit verbundenen Eigenschaften zu kennen sowie gleichzeitig die Vorbelegung genau zu steuern, um später das gewünschte Endprodukt zielgenau zu erhalten. Whisky ist heute eine Wissenschaft, kein „trial and error“ mehr. Und auch dies kostet Geld. Viel Geld.

Seasoned Casks (also spezielle für Whisky hergestellte und vorbelagerte Fässer) spielen heute eine ebenso wichtige Rolle wie immer neue Hölzer (nicht nur Eiche) und die Anzahl der Verwendungen. Plus die immer stärker zunehmende Zahl der Fassarten und -größen, die in unterschiedlicher Kombination eine fast unendliche Zahl an Variationen von Abfüllungen ermöglichen. Der Markt boomt – bedingt durch die stetig wachsende Nachfrage. Man muss sich nur die immer stärker wachsende Zahl der Abfüllungen einzelner Destillerien anschauen, die früher nur einen oder zwei, später vielleicht vier oder fünf Whiskys im Portfolio hatten. Selbst neue Destillerien folgen sofort dem Trend; und man kann es ihnen nicht einmal übelnehmen, denn auch sie müssen Geld verdienen und folglich den Prinzipien und Anforderungen des Marktes (also der Käufer) entsprechen. Und das in jedem Markt, nicht nur in Schottland. So lange auf jeder Messe, bei jedem Tasting, immer nur nach neuen Abfüllungen nachgefragt wird, ist dieser Trend nicht zu stoppen. Wir sind es selbst, die dazu beitragen!

Doch nochmals zurück zum Holz. Das Wissen der Küfer, die alleine durch unterschiedliches Toasten und späteres Ausbrennen so viele unterschiedliche Aromen aus dem Fass in den Vordergrund bringen können, dass es bereits eine Kunst ist, das richtige Fass für den späteren Charakter des Endproduktes auszuwählen, wird heute ebenfalls immer wichtiger. Und das kostet ebenfalls viel Geld, liefert gleichzeitig aber auch jüngere Whiskys, die auf unterschiedlichen Höhepunkten der Reifung sind – und damit auch reif für die vielen nachgefragten Abfüllungen.

Sehen wir also in Zukunft nur noch NAS-Whiskys? Nein! Denn auch weiterhin werden die Destillerien Whiskys mit Altersangaben abfüllen, aber diese eben nicht mehr in großer Zahl und für jedes Kaufsegment. Wer seinen Whisky im Fachhandel kauft, wird neben der zunehmenden Zahl an NAS-Abfüllungen sicher auch weiterhin Abfüllungen mit Altersangaben finden, doch der durchschnittliche Käufer, der seine Präferenz im Bereich des Geschmacks und nicht notwendigerweise des Alters sucht, der findet diese NAS-Abfüllungen in großer Zahl und wird auch daran seine Freude haben.

Zum Abschluss:

Ich sehe die NAS-Abfüllungen nur als logische Entwicklung des Whiskymarkts. Sie ist unter den gegebenen Umständen und Entwicklungen der letzten Jahre und Jahrzehnte eine ganz natürliche. Sie liefert uns zusätzlich einen weiteren Aspekt der Whiskys, der ebenfalls interessante Perspektiven auf die vielfältige Welt der Whiskys bietet.

Wichtig für mich wird aber auch in der Zukunft sein, dass die Entscheidung, welche Fässer Eingang in die Abfüllungen finden – unabhängig von NAS oder mit Altersangabe – von Whiskymakern, Master Distillern und ihren Teams getroffen werden. Nicht der Controller, dessen Präferenz eine möglichst kurze (schnelle) Reifezeit ist,  oder das Marketing sollten die Qualität der Whiskys beurteilen, sondern die Menschen, deren tagtägliche Aufgabe darin besteht, dieses Destillat für uns herzustellen, auszuwählen und zusammen zu stellen.

Das Marketing darf gerne vorgeben, welche Aromen und welcher Geschmack nach Auswertungen unzähliger Analysen des Käuferverhaltens „in“ sind, und was für welchen Markt benötigt wird. Aber die Zusammenstellung und Auswahl der dafür erforderlichen Fässer und Chargen muss weiterhin in den Händen von Fachleuten liegen!

 

Ihr

Jürgen Deibel

International Independent Spirits Consultant

 

Nachtrag:

Beim Schreiben dieser Zeilen ist mir noch ein warnendes Beispiel eingefallen. Immer wieder werde ich von Sammlern eingeladen oder sehe im Internet Bilder von imposanten Sammlungen, welche mit Stolz gezeigt werden. Offene Flaschen? Fehlanzeige.

Was gibt es Schlimmeres, als vor einer solchen Sammlung zu stehen, dabei ein Glas Wasser in der Hand zu halten, und auf die Frage, wie der ein oder andere Whisky denn schmecke, die Antwort zu erhalten: „Das weiß ich nicht, aber die Flasche sieht gut aus, war teuer und ist rar!“ Das darf nicht sein!

Es gibt eine Spirituosen-Kategorie, die daran fast zugrunde gegangen wäre: der Armagnac! Alle haben ausschließlich Millésimes (also Jahrgänge) produziert, die gekauft, aber niemals getrunken wurden. Wie konnte man also den Genuss eines solchen bewerten, wie konnte man sich darüber freuen und eventuell sogar eine weitere Flasche davon erwerben? Der Verkauf ging drastisch zurück die Kategorie darbt noch heute!

Wollen wir das im Whisky auch erleben? Nein! Wehret den Anfängen – und genießt den Whisky – ob als NAS oder mit Altersangabe!